Andachten

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letzte Änderung 1.3. 2021

Predigt zu Johannes 13,21-30 am 21.2.2021 in Oberallershausen

Pfarrerin Karin Volke-Klink

Liebe Gemeinde,

gestern, an diesem herrlichen Frühlingstag, fiel es mir schwer, mich an den Schreibtisch zu setzen, und mich an diese Predigt zu machen. Die Sonne strahlte vom Himmel, die Luft war warm und freundlich. Es zog mich nach draußen in den Garten, um altes, verdorrtes Gestrüpp und abgestorbene Pflanzen wegzuräumen, damit wieder Platz wird für neues Grün und neues Leben.

Aber vielleicht lag es nicht nur am Sonnenschein, dass sich etwas in mir gesträubt hat, mich an diesen Text zu machen. Vielleicht lag es auch an unserem Predigttext selbst. Denn diese Geschichte, die wir heute bedenken wollen, ist eine dunkle Geschichte. Sie ist nicht nur dunkel, weil sie am Abend beginnt und in der Nacht endet, sie auch dunkel, wegen dem, wovon die Geschichte handelt. Es geht um eine Möglichkeit unseres Daseins, die in uns schlummert, die wir vielleicht kennen, die wir aber nicht wahrhaben wollen.

Es geht um etwas, wovon wir hoffen, dass es uns niemals passiert, weder, dass es uns zustößt, noch, dass wir es selbst tun. Es geht um etwas, was Menschen trennt, mehr, als der Tod Menschen trennen kann: Es geht um Verrat, um Schuld, die man auf sich lädt. Es geht um das Böse, dass in uns steckt, und dass sich manchmal, gewollt oder ungewollt Bahn bricht.

Aber hören Sie selbst:

Joh.13,21-30

Die Jünger feiern ein Fest, liebe Gemeinde. Wie jedes Jahr feiern sie das Passafest, das jüdische Fest der Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten. Jesus hat seinen Jüngern die Füße gewaschen. So hat er ihnen einen Dienst erwiesen. Er zeigte den Jüngern seine Liebe und Fürsorge und gab ihnen den Auftrag ihm darin zu folgen, nicht zu herrschen, sondern zu dienen. Beim Essen dann befällt Jesus ein Gedanke, den er ausspricht, und der die Jünger sehr beunruhigt. „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer von euch wird mich verraten.“ Erschrocken schaut einer zum anderen und jeder von ihnen fragt sich: „Meint er mich? Redet er etwa von mir?“

Ein paar der Jünger werden näher beschrieben in dieser Szene. Da ist ein Jünger, der Jesus besonders nahesteht. Er liegt da, an Jesus gelehnt, ein inniges Bild, voller Vertrautheit. Auch wenn sein Name hier nicht genannt wird, geht man davon aus, dass es Johannes ist, der Jünger, der auch unter dem Kreuz stehen wird, der Maria, der Mutter Jesu beistehen wird und den Jesus beauftragen wird, für seine Mutter zu sorgen, so wie ein Sohn es täte.

Und da ist Petrus, der Selbstbewusste. Er will es genau wissen, traut sich aber nicht, Jesus zu fragen, sondern forscht indirekt, über den Lieblingsjünger nach. Petrus ist sich sicher: Ihm wird so etwas nicht passieren. Er hat doch immer zu Jesus gehalten. Hat Jesus ihm nicht deshalb auch den Name Petrus verliehen: Der Fels, der Starke? Auf ihn kann sich Jesus verlassen, das steht für Petrus fest. Wir kennen die Geschichte, und wir wissen, wie es weitergeht. Versprich nicht zu viel, sagt Jesus: „Noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich drei Mal verleugnen.“ Doch auch Petrus, mit seiner Selbstüberschätzung ist nicht die Figur, um die es eigentlich geht, in dieser Geschichte:

Die Hauptperson neben Jesus ist der Jünger mit Namen Judas. Was er tut ist dunkel, durch ihn kommt die Nacht. „Der ist´s, dem ich den Bissen eintauche und gebe:“, sagt Jesus zu seinem Lieblingsjünger. Ob Judas es auch gehört hat und die anderen? Anscheinend nicht, denn sie deuten die folgenden Worte Jesu falsch. „Was du tust, das tue bald!“

Die Jünger glauben, Judas soll etwas besorgen gehen. Was er wirklich tun wird, ahnen sie noch nicht. Jesus dagegen weiß es. Denn das begegnet uns im Johannesevangelium immer wieder: Jesus kennt seinen Weg. Sein Tod am Kreuz ist vorherbestimmt. Heil und Unheil ist so ineinander verwoben, dass es kaum unterscheidbar ist. Der Verrat des Judas, - so dunkel und schrecklich wie er ist – er ist Teil von Gottes Plan. Selbst der Satan, der Teufel persönlich, scheint Gottes Willen unterworfen. Er fährt in Judas hinein, so dass er nicht mehr er selbst ist. Judas geht seinen Weg in die Nacht. Er tut, was er tut - warum? das erfahren wir nicht. Ein Kuss, ein Zeichen der Liebe – eigentlich – wird zum Zeichen des Verrats, - später, als sie in die Nacht hinausgehen, im Garten Gethsemane. Und das ist es vielleicht, was den Verrat ausmacht: Alles wird falsch. Alles wird zur Lüge. Dinge bekommen einen doppelten Boden. Und was sich unter der Oberfläche verbirgt ist dunkel und grausam. Unvorstellbar.

Warum tut Judas das? Die 30 Silberlinge, die er dafür erhält, sie waren sicher nicht der Grund. Manche Ausleger sagen: er war enttäuscht von Jesus. Er war ein Zelot, ein Eiferer, der das Reich Gottes in dieser Welt haben wollte. Jesus, der Messias, hätte den Umsturz herbeiführen sollen. Die Römer aus dem Land werfen, die Macht übernehmen, das Land befreien. Und was sagt Jesus? „Mein Reich ist nicht von dieser Welt!“ Judas wäre nicht der erste, der sich aus Enttäuschung radikalisiert, bei dem Begeisterung umschlägt in Hass, der seine Ziel mit Gewalt verfolgt.

Mit der Gestalt des Judas kommen wir an eine Grenze. Wir kommen an die Grenze dessen, was wir verstehen, vielleicht sogar, was wir verstehen wollen. Warum sich hineindenken, in so eine düstere, tragische Figur?

Aus zwei Gründen halte ich es für sinnvoll und notwendig: Der erste Grund ist der: Wir können uns nie sicher sein. Die Jünger fragen aus gutem Grund: „Herr, bin ich´s?“ Schuld ist und bleibt eine Möglichkeit. Viel zu oft sind wir schwach. Wir bringen Mut nicht auf, den wir haben sollten. Wir tun nicht, was wir tun sollten, oder wir erkennen erst viel zu spät, was richtig gewesen wäre. Und manchmal, werden wir auch von Wut und Hass getrieben, von enttäuschter Liebe zerrissen, von Angst überwältigt. Das Dunkle ist da, die Nacht der Versuchung, die Nacht der Zweifel, die Nacht der Verbitterung, die Nacht des Todes. Wissen wir, was diese Nacht mit uns macht, wenn sie über uns hereinbricht? Niemand sei sich da so sicher. Siehe Petrus!

Und der zweite Grund ist der: Die Geschichte des Judas ist Teil der Geschichte, die zum Heil führt. Ohne den Tod Jesu gäbe es keine Auferstehung, ohne Schuld keine Erlösung, ohne das Unheil kein Heil. Doch Vorsicht! Mit dieser Deutung kommen wir auf ganz dünnes Eis! Gewalt ist und bleibt immer Gewalt. Gewalt ist schrecklich. Und es gibt nichts, was Gewalt und Verrat rechtfertigt, nichts, was es gut macht.

Am Freitag jährte sich der rassistische Terroranschlag von Hanau. Die Angehörigen der Opfer und die Überlebenden machen deutlich, dass für sie nichts gut ist, und dass sie noch lange, vermutlich immer an den Folgen leiden werden. Solche Taten zeigen wie es ist Rassismus zu überwinden, nicht nur in der gewaltbereiten Form, sondern in den vielen kleinen Varianten, die sich in unsrer Sprache und in unserem Denken festgesetzt haben.

Doch noch einmal zurück zu dem Gedanken, dass Unheil und Heil in dieser Geschichte zusammenhängen. Gott kann auch aus bösen Taten Gutes entstehen lassen. Ein berühmtes Beispiel dafür ist die Josefsgeschichte. Die Brüder des Josef sind eifersüchtig, weil Josef der Liebling des Vaters ist. Er wird auf eine Art und Weise bevorzugt, die für die Brüder unerträglich ist. Deshalb verkaufen sie ihn als Sklaven nach Ägypten, wo Josef nach vielen Tiefschlägen und dunklen Zeiten letztlich zu Ruhm und Ansehen kommt. Weil es ihm gelingt die Träume des Pharaos zu deuten und er eine große Hungersnot kommen sieht, macht der Pharao ihn zu seinem Minister. In diesem Hohen Amt, schafft Josef es, in den fruchtbaren Jahren vor der Hungersnot so viele Vorräte anzulegen, dass letztlich auch seine Familie dadurch gerettet wird.

„Ihr gedachtet es böse zu machen“, spricht Josef zu seinen Brüdern, „aber Gott hat es gut gemacht.“ Ich finde diesen Satz des Josef einen der wichtigsten und stärksten Sätze aus der Bibel, liebe Gemeinde.  „Ihr gedachtet es böse zu machen, „aber Gott hat es gut gemacht.“

Was auch immer in der Welt geschieht, wie tragisch und wie grausam es auch ist. Gott kann etwas Gutes daraus werden lassen. Nicht dass es das Grausame ungeschehen machen würde. Das soll keine Relativierung von Schuld sein. Schuld bleibt Schuld, Hass bleibt Hass, auch dann, wenn im Nachhinein etwas Gute daraus entsteht. Es ist wichtig, dass man Dinge beim Namen nennt. Gerade wenn es um Gewalt geht, verbietet sich jede Form der Verniedlichung oder Verharmlosung. Das sind wir Opfern von Gewalt schuldig. Doch bei jeder Schuld, wie groß sie auch sein mag, gibt es die Möglichkeit der Vergebung.  Gott kann es gut machen. Auch wenn wir anderen oder uns selbst etwas nicht verzeihen können, Gott kann es. Bei ihm gibt es Erlösung.

Der Theologe Karl Barth hat einmal folgendes Bild dafür gebraucht: wir sitzen alle in einem Zug. Dieser Zug fährt seinem Ziel entgegen. Niemand wird diesem Ziel entgehen. Man kann im Zug nach vorne oder nach hinten laufen, man kann sich unter dem Sitz verstecken, er kommt trotzdem im Bahnhof an. 

Das mag vielleicht für manchen beklemmend sein und mancher stellt sich vielleicht die Frage: „Wo bleibt da unsere Freiheit?“ Aber für mich ist das ein großer Trost: Gott führt uns zum Ziel, zu einem Ziel, dass wir aus eigener Kraft gar nicht erreichen könnten. Die Nacht geht zu Ende und es folgt das Licht der Auferstehung. Das Licht der Versöhnung, das Licht der Vergebung. Nichts und niemand kann uns von Gottes Liebe trennen. Das haben wir durch das Leid und die Auferstehung Jesu erfahren.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.